Live 2019

Mi, 10.04.2019 Einlass: 19:00 ‐ Beginn: 20:00 Kleiner Klub

„Bielefeld? Gibt’s doch gar nicht!“ Dieser zugegebenermaßen abgegriffene, aber eben auch sehr treffende Witz über die betuliche Provinzialität Ostwestfalens, einer Region, der nun einmal eine Metropole fehlt, beschreibt recht schön das Dilemma der Kleinstädtigkeit: Dort passiert halt so gut wie nichts, was überregional von Bedeutung wäre, man lebt in den unkomplizierten, aber auch unaufregenden Koordinaten des klassischen Bürgertums. Dass Bielfeld sowie umliegende Kleinstädte wie Detmold, Minden oder Herford eben doch existieren und man dort nicht zwingend zum kleinbürgerlichen Spießer erzogen wird, diese große Aufgabe fiel Anfang der 90er-Jahre einer kleinen, aber feinen Szene an Indie-, Noiserock- und Shoegaze-Bands zu: Formationen wie Hip Young Things, Speed Niggs, Sharon Stoned oder Floor bewiesen mit begeisternder Frische und einer überraschenden Eigensinnigkeit, dass es auch Vorteile haben kann, abseits aller Musik- und Kunst-Zentren aufzuwachsen. Denn wenn man sich nicht mit anderen vergleichen kann oder muss, macht man umso freier und unvoreingenommener ausschließlich das, was einem gefällt. Die beiden Großköpfe dieser kleinen Szene – und Mitglieder in mindestens jeweils einer der zuvor genannten Bands – waren Dirk Dresselhaus, der später von Berlin aus als Avantgarde-Elektronik-Popmusiker Schneider TM zu einem Dauerliebling bei Hipstern und Bescheidwissern avancierte, sowie Christopher „Krite“ Uhe, mittlerweile eine führende Instanz im Bereich der Theatermusik. Gewissermaßen als Krönung dieser kurzen Phase an ostwestfälischer Indie-Aufregung gründeten die beiden 1991 die Band Locust Fudge.

Bis 1997 veröffentlichten sie mit „Flush“, „Royal Flush“ & „Business Express“ zwei Alben & eine EP unter diesem Namen, die sich, ausgehend von akustischen Versionen von Songs ihrer damaligen Hauptbands Speed Niggs & Hip Young Things, mit der Zeit Richtung eigenständigem, experimentell-groovigem Homerecording-Pop entwickelten und national wie international auf gewaltige Begeisterung stießen. Hier mischte sich auf so spannende wie natürliche Weise die Noise-Ästhetik des Indie mit avantgardistischen Ansätzen, bei denen Frequenz-Paarungen oft mehr zählten als Akkordfolgen. Locust Fudge war wie ein Experimental-Labor: Man findet eine gewisse Anzahl an Gerätschaften und Kombinationsmöglichkeiten vor und schaut dann, was man damit so anstellen kann – dabei meist frei von Theorie und umso aufgeladener durch die brachiale Spielfreude, einfach kompromisslos zu machen, was einem die Intuition gerade diktiert. Oder, in den Worten von Dresselhaus anlässlich der damaligen Veröffentlichung von „Royal Flush“: „Wir wollten ein Easy Listening-Album machen und endeten mit einer Mischung aus Kurt Weill und den Beastie Boys.“ Fragt man jedenfalls alte Indie-Haudegen nach den richtungsweisendsten und künstlerisch individuellsten Platten in der Geschichte der deutschen Rock-Subkultur, dürfte der Name Locust Fudge selbst heute noch mit ziemlicher Sicherheit fallen.

Umso mehr, als die offiziell niemals aufgelöste, bis auf einen Beitrag zur 2004er-Compilation „Perverted by Mark E. – A Tribute to the Fall“ sonst aber komplett stille Band im vergangenen Jahr nun mit „Oscillation“ zur allgemeinen Überraschung ein neues Album veröffentlichte. Erwartungsgemäß von Kritik und Feuilleton euphorisch befeiert, beweisen Locust Fudge, die in der aktuellen Inkarnation um den neuen festen Schlagzeuger Chikara Aoshima erweitert wurden, dass ihre abstrakte Grandezza der frühen 90er kein Zufallsprodukt oder Zeitphänomen war, sondern auch fast drei Jahrzehnte später keinen Deut an Relevanz und Intensität verloren hat. Und dies auch international sowie unter den festen Größen der Szene, was man etwa an Gastbeiträgen u.a. von Dinosaur Jrs J. Mascis, Zappi von Faust, exzeitkratzer & Lou Reed Saxofonist Ulrich Krieger oder Michael Mühlhaus, ehemals bei Blumfeld und ex-Ton Steine Scherben Schlagzeuger und Conrad Schnitzler Kollaborationspartner Wolfgang Seidel ablesen kann. Auf „Oscillation“ stellen sich Locust Fudge, verglichen mit den Frühwerken, noch freier und unkategorisierbarer dar, den in den seither vergangenen Jahrzehnten gemachten Erfahrungen in vielen musikalischen Randzonen Rechnung tragend. Was diese Band und „Oscillation“ aber noch überzeugender macht: Bei allem Eigensinn und Hang zum Avantgardistischen ist ihre Musik kein abstraktes Studienobjekt für Musiktheoretiker oder Hochschulprofessoren, sondern in seiner Dringlichkeit und Schlüssigkeit vor allem ein verdammt gutes Rockalbum, dessen Magie und schrullige Eleganz unmittelbar jeder versteht, der sich einfach mal darauf einlässt. Entsprechend lässt sich prophezeien, dass die anstehenden Konzerte von Locust Fudge ohne jeden Zweifel erinnerungswürdige Abende von lang anhaltender Präsenz werden dürften.

Tickets bei allen bekannten VVK-Stellen und hier auf unserer Website.


Weitere Informationen findest Du hier:

facebook.com/locustfudge

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